
Das wars. Die 84. Oscarverleihung ist Geschichte.
Kurz bevor es in der Nacht auf Montag los ging habe ich den Laptop zugeklappt, das Handy ausgeschaltet, die Kopfhörer aufgesetzt, mich zurückgelehnt und einfach nur berieseln lassen, vom guten alten Billy Crystal (mehr alt als gut, aber gut…), von den ständigen und stets leicht fehlgeleiteten Erinnerungen daran, dass es um Filme! geht (und um alte Filme!) und ums Filme-Gucken! und überhaupt. Nicht, dass zufällig bei der Sendung gelandete Zuschauer sich wundern, was so ein Oscar ist und wofür er verliehen wird (Filme!).
Glückwunsch gleich zu Beginn an Sonja, die am richtigsten getippt hat und somit demnächst stolze Besitzerin einer Ladung frisch gebackener Kekse wird. (Steht dein Angebot noch, Caecilie? Sonst versuche ich mich mal am Herd.)
Ich lag mit meinen Tipps so oft daneben wie noch nie (14 Richtige von 24), was ja eigentlich in Ordnung ist, da es bedeutet, dass es einige Überraschungen gab. Aber nur wenige davon waren schöne Überraschungen. Der Oscar für “The Girl with the Dragon Tattoo” hat mich gefreut, wenn auch nur weil es einen weniger für “Hugo” bedeutete. In der Kategorie Foreign Film hatte ich bis zuletzt geglaubt, dass “Jodaeiye Nader az Simin” den Weg der ebenfalls mehrfach nominierten Favoriten “Le fabuleux destin d’Amélie Poulain,” “El laberinto del fauno” oder “Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte” gehen würde, und so hat es mich sehr gefreut, dass Asghar Farhadi doch den Oscar entgegen nehmen und die Welt erinnern konnte, dass der Iran hinter all der lauten Politik doch sehr reich an Kultur ist. Da habe ich gerne daneben getippt.
Greg P. Russell bleibt für seine unbestreitbar hervorragende Sound-Arbeit 15-fach nominiert aber auch dieses Jahr nicht, wie von mir gedacht, ausgezeichnet. Die technischen Kategorien wurden von “Hugo” dominiert, vielleicht teilweise verdient, aber ich fand den Film so mies, dass ich mich nicht wirklich über die fünf Oscars freuen konnte.
Absolut unverdient war, dass Martin Scorseses Film für seine Visual Effects ausgezeichnet wurde, die laut und bunt und Gimmick-haft waren, während WETAs bahnbrechende Motion-Capture-Arbeit für “Rise of the Planet of the Apes” leer ausging.
Zweimal habe ich statt mit dem Kopf mit dem Herzen getippt, und zweimal brach es ein bisschen als weder Wim Wenders‘ “Pina” noch Emmanuel Lubezkis Kamera für “The Tree of Life” ausgezeichnet wurden. Ich bin mir sicher, dass die Nachhaltigkeit beider Filme die ihre Mitnominierten um viele Jahrzehnte überleben wird, Oscar hin oder her.
Und dann gab es noch eine Überraschung, die eigentlich keine war (und die ich auch richtig getippt hatte). An Meryl Streeps dritten Oscar hatte ich nie einen Zweifel. Und da ich heute sowieso schon dabei bin, Film-Defizite einzugestehen hier noch ein schändlicher Fakt: Von all den 17 Filmen, für die Streep seit 1979 nominiert oder ausgezeichnet wurde, habe ich nur einen gesehen (“Adaptation.“). Und vom Rest ihrer Filmographie kenne ich auch nur vier Filme. Davon zwei, in denen lediglich ihre Stimme zu hören ist (“Artificial Intelligence: AI” und “Fantastic Mr. Fox“) und zwei weitere, die ich vor so langer Zeit (synchronisiert im Fernsehen) gesehen habe, dass ich sie eigentlich nicht wirklich ruhigen gewissens als ‘gesehen’ bezeichnen kann: “She-Devil” und “Death Becomes Her.” Warum die Bildungslücke? Ich weiß es auch nicht. Irgendwie hat es sich nie ergeben.
Aber zurück zur Oscar-Nacht. In Mangel einer Tastatur habe ich während der Verleihung ein paar mal ganz altmodisch zu Stift und Zettel gegriffen und ein paar Schlagworte aufgeschrieben. Den Zettel habe ich jetzt natürlich nicht griffbereit, aber ich werde versuchen, ihn aus dem Kopf zu rekonstruieren:
Jessica Chastain!
Emma Stone!
Milla Jovovich!
Crystal: Nick Nolte
Rose Byrne!
Tree of Life!
Werner Herzog!
Colin Firth!
Tree of Life!
Nein, keine Liste meiner Interessen für mein Profil auf einer Online-Dating-Seite (wobei…) sondern Schlagworte, die mich an folgende Gedanken/Gefühle erinnern sollten:
Jessica Chastain seemed geniually thrilled just to be there. (Entschuldigt den Verfall ins Englische; wer mir den Satz ohne Sinnverlust in einen deutschen, der nicht total dämlich klingt übersetzen kann, bekommt einen Keks.) Neben #Fassy war sie für mich die Entdeckung des letzten Jahres und ich bin entzückt und begeistert, dass sie sich in Interviews und Making-of-Material als ebenso sympathisch, wie sie talentiert ist, herausstellt. Und da sie nicht mal ein Jahr älter ist als ich (also noch blutjung) freue ich mich auf viele weitere Filme und bestimmt auch Oscarnächte mit ihr.
Emma Stone hat mir in ihrem bit mit Ben Stiller sehr gut gefallen. Ich bin spätestens seit “Zombieland” großer Emma Stone-Fan, daran konnte auch “The Help,” der so viele gute Schauspielerinnen verbraten hat wie vielleicht kein anderer Film letztes Jahr, nicht rütteln. Und sie ist so groß! (Bzw. Ben Stiller so klein!)
Über Milla Jovovich freue ich mich immer, ich finde sie unglaublich schön (in jeder Bedeutung des Wortes) und werde auch dieses Jahr gerne wieder eine Menge Geld ausgeben um ihr Gesicht überdimensional groß auf die Leinwand projiziert bestaunen zu dürfen.
Als Billy Crystal während eines gespielten Witzes Nick Noltes Gedanken las, habe ich das erste mal während der Sendung richtig laut lachen müssen. (Hoffentlich habe ich niemanden geweckt…) Nolte war eindeutig nicht nüchtern erschienen, Crystal summierte seine “Gedanken” als… tja, welches Wort passt da? Knurren? Auf jeden Fall großartig.
Der zweite laute Lacher des Abends kam dank Melissa McCarthy und Rose Byrnes “Scorsese”-Trinkspiel, aber Byrnes Namen habe ich mir aus anderem Grund notiert, den ich gerne mal nach zwei, drei Bier teilen kann, der aber hier nicht wirklich was zu suchen hat. (Nein, nichts Versautes.)
Werner Herzog könnte ich stundenlang zuhören, egal worüber er redet. Könnte er nicht nächstes Jahr moderieren? Ist auch nur sechs Jahre älter als Crystal. Und Colin Firth ist sowieso wunderbar und hat seine Laudationen auf die nominierten Schauspielerinnen sehr gut und witzig gemeistert.
Bleibt “The Tree of Life.” Warum die doppelte Notiz? Weil ich zwei mal innerhalb kürzester Zeit in ein Freudentränen heulendes, schniefendes, emotionales Wrack verwandelt wurde, als Bilder und Musik aus dem vielleicht wichtigsten Film aller Zeiten gezeigt wurden. Das ist für mich nicht wirklich etwas seltenes, eher eine Art muscle momory die zum Beispiel auch durch bestimmte Musik bei mir ausgelöst wird, aber ergreifend und schön ist es trotzdem gewesen.
So, und weil ich jetzt schon viel zu viel geschrieben habe (und dabei habe ich mich noch gar nicht über “The Artist” aufgeregt…) ziehe ich einen Schlussstrich und frage in die Runde: Was waren eure bleibenden Eindrücke der Verleihung?
Oscar-Dialog 2012
#1 Der Tag nach dem Tag danach (nebel)
#2 Der Tag nach dem Tag und dann noch einige Tage später (cez)
#3 Fast eine Woche später (Sonja)
#4 30 Schauspieler in einem Eintrag! (nebel)
#5 Zwei, drei Bemerkungen zu Midnight in Paris (cez)
#6 Unnötige Nebengeräusche (Sonja)
#7 Von Unterhunden und Dunklen Pferden (nebel)
#8 Über damals und Meryl Streep (Sonja)
#9 2008! (cez)
#10 Lange Nacht (nebel)