Poren, Falten und Narben

#1: Oscars!
#2: Sensationell geht anders
#3: Wo ist Tilda?
#4: Meine Oscar-Voraussagen
#5: Oscars 2009: Top 10 (Best Picture)
#6: Poren, Falten und Narben
#7: Pre-Show
#8: Oscars 2010: Live-Blog


von: Caecilie von Teichman

Wie ärgerlich, dass es im Leben manchmal wichtigeres als Kino gibt: Nicht nur musstest du wochenlang auf diesen Beitrag warten, ich hatte auch dadurch total vergessen, mich über die Nominierung von Avatar für den Oscar für Film Editing aufzuregen. Wenn Avatar eine Nominierung nicht verdient hat, dann diese. Die 3D-Technik erfordert neue Schnitt-Techniken, um mehr als ein Marketing-Gag zu sein, denn die klassische Schuss-Gegenschuss-Montage funktioniert nicht mehr. Der Schnitt bei Avatar war leider komplett uninspiriert. Die Revolution wurde auf später verschoben.

Was die Schauspieler angeht, habe ich leider immer noch zu wenige der Filme gesehen (wobei mich auch z.B. Julie & Julia so ungeheuer gar nicht interessiert, dass ich nicht mal der Vollständigkeit halber diesen Film angucken möchte).

Mir fehlt bei den Hauptdarstellern Max Records, das großartige Kind aus Where The Wild Things Are, ansonsten hoffe ich auf Jeremy Renner, würde aber auch den immerguten Jeff Bridges akzeptieren.

Julia habe ich vor über einem Jahr eher zufällig im Kino gesehen und kann mich deiner Begeisterung für Tilda Swinton nur anschließen. Überhaupt muss es doch Filme mit spannenderen Frauenrollen als die nominierten gegeben haben…

Nun aber zu Public Enemies: Vielleicht ist es Übersättigung, vielleicht ist es das Alter, jedenfalls werde ich immer sensibler, was Gewaltdarstellung in Filmen angeht. Ich tendiere eh dazu, sinnlose Action-Filme übermäßig zu analysieren, wenn sie anfangen, mich zu langweilen (nichts gegen Popcorn-Kino, aber das ist die Todsünde, dann kann ich auch intellektuell anspruchsvolles Experimental-Kino gucken). Jedenfalls interessiert mich die Art und Weise der Gewaltdarstellung und der bewusste Einsatz von Gewaltdarstellung und schätze Action-Filme, die Gewalt intelligent einsetzen ohne theoretisch zu werden.

Michael Mann ist ein Mainstream-Regisseur, der ebenso wie James Cameron sehr großes Interesse an neuen Technologien hat, aber im Gegensatz zu Cameron diese wesentlich bewusster einsetzt. Schon in Heat experimentierte Mann mit Nachtsicht-Kameras, deren grobkörnige Bilder im krassen Gegensatz zu den berückend schönen Luftaufnahmen standen. In Miami Vice kippt zum Schluss der Schusswechsel von Hochglanz-Optik zu grob-pixeliger, an Nachrichtenbilder erinnernde Handkamera-Optik und wirkt so übermäßig brutal, auch wenn die Szene im Vergleich zum anderen Actionfilmen nichts Besonderes ist.

In Public Enemies ist nun diese Technik auf die Spitze getrieben, der komplette Film ist digital gedreht, und kaschiert dies auch nicht. Mündungsfeuer ist pixelig, die Kamera ist hautnah an den Protagonisten dran. Der Film wirkt wie eine Reportage eines embedded reporters, der John Dillinger begleitet und darin konsequenter als Brian de Palmas [redacted], der doch immer wieder auf herkömmlich gefilmte Szenen zurückgriff. Nicht nur die Gewalt wirkt hässlich, auch sieht man durch extreme Close-ups Poren, Falten und Narben, geradezu als wollte Michael Mann seine typisch-schönen Einstellungen und die opulente Ausstattung bewusst zerstören. Der Film wirkt gleichzeitig echt und verfremdet.

Michael Haneke erklärte in Interviews zu Das weiße Band, dass die Entscheidung für schwarz-weiß vor allem deswegen getroffen wurde, um das Aussehen eines Kostümfilms zu vermeiden und sich an das Aussehen alter Fotos anzunähern. Mann geht den umgekehrten Weg, die Bilder wirken ultra-modern und brechen so mit der Seherwartung.

Allerdings ein Effekt, der nur im Kino seine Wirkung entfaltet, auf einem kleinen Bildschirm wirkt der Film wie ein herkömmlicher Actionfilm, wie ich leider beim zweiten Sehen feststellen musste.

One thought on “Poren, Falten und Narben

  1. Interessant, daß du gerade Manns digitale Optik so lobst, denn – abgesehen davon, daß aber auch wirklich jede Figur in Public Enemies in jeder Situation die dümmste mögliche Entscheidung trifft (zumindest in den 50 Minuten, die ich ertragen konnte) – ist genau sie das, was den Film für mich so unansehbar macht. An Christian Bale allein hätte man es wohl nicht bemerkt, aber Depp und irgendwie auch Cotillard zeigen, wie tatsächliche schauspielerische Leistung von Manns Spieltrieb überschattet werden und einfach nur billig wirken. In dieser Hinsicht kann man eine Partallele zu Avatar ziehen: Sicher, die Technik ist toll und neu, aber letztendlich lenkt sie nur ab.

    (Bei Collateral hatte ich dieses Problem nicht, ich frage mich, was genau sich zwischen diesen beiden Filmen an Manns Machart verändert hat. Miami Vice habe ich noch nicht gesehen. Heat auch nicht, aber nach diesem Auschnitt möchte ich das möglichst bald nachholen.)

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: