Antifilm

Weil ich es irgendwie unvereinbar fand mir sowohl immer wieder vorzunehmen, doch endlich mal die lange, lange Liste der Filme die ich noch nicht gesehen habe abzuarbeiten, gleichzeitig aber intern zu beklagen, daß mir langweilig sei und ich nichts zu machen wüßte, habe ich eben einfach mal mit Lars von Triers Antichrist angefangen. Angefangen. Nach 32 Minuten habe ich mich gegen den Film entschieden, zumindest für heute.

(Wäre Maxime nicht zufällig gerade nach hause gekommen, als ich den Film pausiert hatte um mir eine Kanne Tee zu kochen, hätte ich ihn wahrscheinlich noch weitergesehen. Es ist fast, als hätte ich nach einem Grund gesucht, den mir der heimkehrende Mitbewohner unbewusst lieferte.)

Antichrist ist, zumindest für die erste halbe Stunde, sicherlich kein schlechter Film. Aber er erzeugt eine bestimmte Stimmung, auf die ich heute abend einfach nicht so viel Lust hatte. Die gleiche Stimmung, das gleiche Gefühl haben dieses Jahr schon mindestens zwei andere Filme in mir hervorgerufen: The Box und Where The Wild Things Are. Beide erzeugten bei mir ein vehementes Unwohlsein.

(Interessanterweise habe ich beide Filme, wie den Anfang von Antichrist auch, an einem Freitag abend, allein, in einer leeren Wohnung gesehen…)

The Box gilt als Flop. Auf der IMDb hat er eine Bewertung von 5.8/10, bei Rotten Tomatoes sind es 45% positive Kritiken und nur 27% positive Zuschauerreaktionen.

Where The Wild Things Are kam da schon ein wenig besser an: 7.2 bei der IMDb, 73% und 59% bei RT.

Für mich hingegen ist The Box einer der besten Horrorfilme, die ich je gesehen habe. Und Wild Things hat in mir fast schon sowas wie Hass ausgelöst.

Was ich an The Box so großartig (und so beängstigend) finde, ist das ständige Gefühl, daß irgendetwas nicht stimmt (Oder wie auch immer man “Everything is slightly off” übersetzen soll…) Und bei einem Horrorfilm ist das natürlich ein willkommener Effekt.

Wild Things ist, soweit ich das beurteilen kann, kein Horrorfilm. Und trotzdem ist alles “slightly off”. Dadurch entsteht ein disconnect[1], der es zumindest mir nicht ermöglicht hat, mich auf den Film wirklich einzulassen. Was schade ist, da es ein (optisch) sehr schöner Film ist und ich stimme Caecilie voll und ganz zu, wenn sie sagt, daß Max Records eine Oscar-Nominierung als Bester Schauspieler verdient hätte.

Hat sonst noch jemand The Box oder Where The Wild Things Are (oder Antichrist) gesehen und weiß, was ich meine? Oder ist es vielleicht wirklich nur der Freitag abend/leere Wohnung-Effekt der sich hier zeigt?

[1] Wisst ihr eigentlich, wie schwer es manchmal ist, meine Gedanken ins Deutsche zu übertragen? Normalerweise würde ich so ein Wort nachschlagen, aber dafür bin ich gerade einfach zu müde…

6 thoughts on “Antifilm

  1. Oh, Antichrist. Ich habe leider gerade nicht viel Zeit, verspreche aber, dass ich mich nächste Woche dazu äußere. Mich hat viel mehr das Fehlen dieses Unwohlseins gestört, da ich von Lars von Trier erwarte, dass er zutiefst verstörende Filme abliefert. Ich konnte aber zu keiner Zeit irgendeine emotionale Beziehung zu diesem Film aufbauen.

  2. Schön, dann werde ich versuchen, ihn bis dahin zu ende gesehen zu haben. Muß auch gestehen, daß ich bisher noch keinen einzigen Film von von Trier gesehen habe, also auch keine Erwartungen in dieser Hinsicht hatte.

    Was mich allerdings auch jetzt schon an Antichrist gestört hat, ist etwas, das ich gerne das “Sunrise Avenue”-Problem nenne, wenn Leute (hier Charlotte Gainsbourg) Dinge sagen müssen, die sie nicht wirklich verstehen, bzw. die nicht zu ihrem natürlichen Sprachfluß passen.

    So etwas kann man vermeiden, wenn man dem Schauspieler seinen Text in seiner nativen Sprache gibt und ihn selbst (im Kopf) übersetzen läßt. Ich weiß allerdings auch nicht, in welcher Sprache Lars von Trier seine Drehbücher schreibt, aber ich denke mal (zumindest in diesem Fall) auf Englisch, was dann natürlich nochmal eine Ebene Bedeutungsverlust mehr bedeutet…

  3. So hab den Film jetzt gesehen. Also “The Fantastic Mr. Fox” war auf jeden Fall der bessere Sprechende-Fuchs-Film des letzten Jahres…

  4. Der Fuchs hat mich zum Lachen gebracht, weil Stimme und Text so unpassend waren. Ich bin mir auch immer noch nicht ganz sicher, ob der ernst gemeint war. Auf mich hat es eher wie eine Parodie des Zwergs aus Twin Peaks gewirkt.

    Zum Thema Sprachfluss: Ich glaube, das ist Absicht. Lars von Trier versucht mindestens seit Dogville die Künstlichkeit des Schauspielens und der Inszenierung in den Mittelpunkt des Films zu stellen. Das kann man dann Antifilm nennen, weil es im Kern um die Zerstörung des klassischen Filmerlebnisses geht.

  5. Was ich aber eigentlich sagen wollte: Ich habe vor Antichrist mich relativ ausgiebig durch das Filmschaffen von Triers gearbeitet und bis auf Medea, Idioten und Hospital der Geister jeden seiner Filme gesehen, insofern war ich ganz anders auf Antichrist vorbereitet als du.

    Was ich an von Trier schätze, ist, dass er weiß, was er tut. Alles in seinen Filmen wird bewusst eingesetzt, sei es Kamera, sei es Ton, sei es die Art des Schauspiel. Er liebt es, mit den Erwartungen der Zuschauer zu spielen und sie zu manipulieren.
    Am Deutlichsten ist das in “The Boss Of It All” dargestellt, in dem von Trier ab und zu das Geschehen kommentiert und den Film mit den vielsagenden Worten beendet, wem das gefallen habe, der habe bekommen, was er verdient hat (sinngemäß). Großartig!
    [Auch sehr aufschlussreich ist “The Five Obstructions”, aber ich will nicht zu sehr abdriften.]

    Hier soll es um Antichrist gehen, in dem leider keine Fourth Wall durchbrochen wird, in dem nicht mit Schnitt und Kamera experimentiert wird und auch sonst mich nichts begeistert hat.

    Auf mich wirkte dieser Film wie ein leider nicht so guter Diplomfilm im Fach Regie mit einem deutlich größerem Budget. Eigentlich fehlte nur das Kaffeetassen-Close-Up am WG-Frühstückstisch.
    Schon im Kino* war ich ständig unterbewusst damit beschäftigt, Referenzen zu finden (Eltern driften nach Kindstod in den Wahnsinn ab -> tausendmal besser und schrecklicher in Don’t Look Now; Bilder -> Tarkowski, drastische Darstellung von Gewalt -> Cronenberg, Atmosphäre -> Lynch etc.). Die Bilder waren sehr schön, geradezu poetisch (auch wenn ich diesen Ausdruck hasse), aber welchen Zweck hatten sie? In jedem anderen Film wählt von Trier seine Mittel sehr selbstbewusst, hier wirkte es, als habe er die Kontrolle abgegeben und es wäre ihm geradezu egal gewesen, wie der Film nachher aussieht. Und was ist ein Auteur-Film ohne Auteur wert?

    *Ich bin extra 100km nach Schweinfurt gefahren, um diesen Film zu sehen. Am KuK-Kino lag es nicht, dass mir Antichrist nicht gefallen hat, das ist ein wunderbares Kino mit ebenso schöner Kneipe.

  6. Ich denke, das Schlimmste an von Triers ‘Antichrist’ ist schlicht und einfach, daß es ein langweiliger Film ist.

    Aber er hat mir eine große Lücke in meinem Filmwissen aufgezeigt, deren Schließung ich nun begonnen habe, in dem ich mir endlich mal Vinterbergs ‘Festen‘ angesehen habe, der für mich eine wahre Offenbarung war, wenn auch leider viele Jahre zu spät. ‘Idioterne’ wird hoffentlich bald folgen, sofern meine Videothek den denn da hat.

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