Warum?

Neulich in der Innenstadt überhörte ich wie ein ca. fünfjähriges Kind seinen Vater über einen Bettler, der am Strassenrand saß, so etwas fragte wie “Warum sitzt dieser Mann da?”

Die Antwort des Vaters kam leider schon ausserhalb meiner Hörweite, aber ich fing an, selbst darüber nachzudenken, wie ich solch eine Frage meines eigenen Kindes wohl beantworten würde.

Die Antwort, auf die ich ziemlich schnell kam und die ich für die beste Art halte, mit einer Frage wie dieser umzugehen, ist: “Fragen wir ihn doch einfach!”

Nicht nur würde ich meinem Kind zeigen können, daß Bettler oder Obdachlose auch Menschen sind, noch dazu welche mit denen man tatsächlich sprechen kann — den meisten von uns fällt es ja schon schwer, nur Augenkontakt mit ihnen zu halten.

Ebenso halte ich es für unglaublich wichtig, Fragen von Kindern auf eine Weise zu beantworten, die sie dazu ermutigt, selbständig zu einer Antwort zu kommen. Sei es indem sie selbst darüber nachdenken oder indem sie Wege finden (und erlernen), an das Wissen zu kommen.

Ich finde es immer sehr schade, wenn Eltern auf Warum-Fragen ihrer Kinder genervt oder ablehnend antworten. “Ich weiß auch nicht”, “Das ist halt so”, “Das verstehst du nicht”.

Eine direkte, richtige Antwort ist schon besser, aber auch nicht ideal. Wie Comedian Pete Holmes sehr treffend beschreibt raubt uns eine sofortige Antwort, für die wir keinerlei Eigenanstrengung aufbringen mussten, all die “endorphins and pleasure and meaning” die über uns kommen, wenn zwischen der ersten Entstehung einer Frage und ihrer Antwort genügend Zeit (und Arbeit) vergeht.

Einem Kind zu sagen, es sei für gewisse Themen (Antworten) noch zu jung ist im besten Fall faul und im schlimmsten herablassend. Wenn ein Mensch alt genug ist, Interesse an einem Thema zu bekunden, ist es alt genug eine Antwort zu erhalten. Ein sicherlich extremes aber dennoch vorbildliches Beispiel hierfür ist der Anwalt David Dow, der in Texas zum Tode verurteilte Insassen verteidigt. In einem Interview mit Terry Gross sprach Dow letztes Jahr darüber, wie er mit Fragen seines Sohnes über seinen Beruf umgeht:

Prof. DOW: Well, from the time that he was old enough to ask me what I do, I would tell him honestly. Now, we obviously haven’t told him about the details of what the people I represent have done. He knows that I represent people who have done bad things. He knows that I represent people who have killed somebody, and he knows that I represent people that the state wants to punish by executing them.

As I say, he doesn’t know the details of the murders. He doesn’t know details of how executions are carried out. But from the time that he’s been old enough to ask what I do and why I do it, I’ve told him honestly. I haven’t really felt that there was any way that I could think of to hide that from him in a way that wasn’t misleading or dishonest.

Natürlich weiß ich (auch aus eigener Erfahrung mit Kindern), daß die nicht-enden-wollende Neugier von Kindern manchmal nervig werden kann. Umso wichtiger ist es, ihnen früh die Mittel zu geben, selbst an Antworten zu kommen. Nicht passive Mittel (“Google es!”), sondern Anstöße, sich eigenständig Gedanken zu machen und Fragen aktiv nachzugehen. Gerade wenn es Fragen sind, die sich nicht mit einem kurzen Satz beantworten lassen.

 


PS und apropos of nothing: Worte, die ich für diesen Eintrag aus dem englischen übersetzen musste, sind: dismissive, patronizing.

One thought on “Warum?

  1. Reblogged this on Nebel without a cause and commented:

    Auf dem Weg zur Arbeit heute morgen die Diskussion des Culture Gabfests über Werner Herzogs neue Doku-Reihe über Insassen der Todeszelle im Ohr gehabt und zurück an das fantastische und hoch interessante Fresh Air-Interview mit David Dow denken müssen. Ich wusste, dass ich hier schon darüber geschrieben hatte, aber der Kontext war mir nicht mehr bewusst – auch wenn es nicht mal ein Jahr her ist. Ist ein ganz guter Artikel, wie ich finde, vielleicht einer, der ein paar mehr Leser verdient hat.

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