[Dialog] Zwei, drei Bemerkungen zu Midnight in Paris

Kontroverse Meinungen im Oscar-Dialog! Dann schreibe ich doch noch ein wenig zu "Midnight in Paris“.

Die Frage, wie man Owen Wilsons schauspielerische Leistung in “Midnight in Paris” beurteilt, hängt davon ab, wie man die Hauptfigur empfindet*. Soll die Hauptfigur einen sympathischen Träumer darstellen, der gegen alle Vorbehalte seiner Verlobten und ihrer Familie mehr aus seinem Leben machen will und dessen Wünsche am Schluss märchenhaft in Erfüllung gehen? Oder handelt es sich um einen äußerst oberflächlichen, naiven Drehbuchschreiber (vermutlich verantwortlich für Katherine Heigl-RomComs), der sich für etwas besseres hält und sich weigert erwachsen zu werden? Zweiteres spielt er hervorragend (nervig).**

Zudem ist die Frage des Erzählers interessant. Sehen wir den kompletten Film aus den Augen von Owen Wilsons “manchild” Charakter Gil? Oder gibt es einen anderen, distanzierteren Erzähler? Nimmt man an, dass Gil den Film aus seiner Perspektive erzählt, ergeben die 20er Jahre-Szenen viel mehr Sinn: Warum sonst sollte Getrude Stein bereit sein, seinen Roman zu lesen? Oder sich Adriana in ihn verlieben? Das Ganze erinnert an “Wo die wilden Kerle wohnen” für Intellektuelle.

Mich haben vor allem die Nebencharaktere erfreut, die allesamt mehr Persönlichkeit ausgestrahlt haben als der substanzlose Gil – auch wenn ich mir Scott und Zelda Fitzgerald ganz anders vorgestellt habe, aber der Film zeigt eben nicht meine, sondern Gils Version. Dürfte ich Oscars verleihen, würde Kurt Fuller für seine Rolle als John, der Vater von Gils Verlobten den Oscar für den besten Nebendarsteller gewinnen. Kein anderer Nebendarsteller hat mir dieses Jahr so viel Freude bereitet. Christopher Plummer würde im Übrigen in der Hauptdarsteller-Kategorie nominiert werden, allerdings gegen Brad Pitt in “Tree of Life” verlieren. Aber das ist Stoff für einen anderen Post.

*Da ich Fussnoten liebe: Zum Thema “Nervige Woody Allen-Charaktere” passt dieser Artikel von Joan Didion sehr gut (von 1979!). (via)

** Vielleicht wird dieses Urteil auch geprägt von persönlichen Erfahrungen mit Personen, die Gil sehr ähnlich sind und für deren komplett unrealistischen Träume ich zugegebenermaßen wenig Verständnis habe.


Oscar-Dialog 2012

#1 Der Tag nach dem Tag danach (nebel)
#2 Der Tag nach dem Tag und dann noch einige Tage später (cez)
#3 Fast eine Woche später (Sonja)
#4 30 Schauspieler in einem Eintrag! (nebel)
#5 Zwei, drei Bemerkungen zu Midnight in Paris (cez)
#6 Unnötige Nebengeräusche (Sonja)
#7 Von Unterhunden und Dunklen Pferden (nebel)
#8 Über damals und Meryl Streep (Sonja)
#9 2008! (cez)
#10 Lange Nacht (nebel)

3 thoughts on “[Dialog] Zwei, drei Bemerkungen zu Midnight in Paris

  1. Für mich war Owen Wilsons Figur eine Mischung aus beidem: ein naiver Drehbuchautor, der vermutlich mäßige Serien schreibt, sich aber seine Träume noch bewahrt hat. Und obwohl ich alles andere als ein großer Fan von Owen Wilson bin, finde ich auch, dass er diese Rolle gut spielt. Er ist wie ein etwas langsames alter ego von Allen.

    Insgesamt fand ich den Film jedenfalls sehr schön. Auch wenn ich keinen der Darsteller für einen Oscar nominieren würde. ;-)

  2. Mein Hauptproblem mit dem Film war ja Allens verdammt verklärter Blick auf Europa. So wie Gil die 20er sieht sieht Allen Frankreich (und Spanien). Alle sind reich und sophisticated und frei und einfach bessere Menschen. Hach, wie schön wäre es, wenn es dieses Europa wirklich gäbe.

    Dazu kommen m.E. noch einige sehr unglaubwürdige Handlungen. (Schön zusammengetragen im abridged script.

    Aber ich werde ihm mir bis zum 26. noch einmal ansehen, denke ich. Ist ja zum Glück nicht so lang… :)

    • Ich wollte mit meinem Artikel nicht “Midnight in Paris” an sich verteidigen, sondern nur Owen Wilsons Leistung.

      Ich stimme dir zu, dass der Blick auf Paris, Frankreich und Europa komplett verklärt ist. Mein erster Entwurf enthielt noch einen Absatz darüber, dass es im Paris von “Midnight in Paris” keine einzige not-white person gibt und der ganze Film so wirkt, als hätte man ihn in Euro-Disneyland gedreht. (Und der Trailer ist unfassbar kitschig!)

      Deswegen ist der Film nur zu ertragen, wenn man sich eben diesen voreingenommenen Blick bewusst macht. Ohne die Interpretation, dass der oberflächliche, ungebildete Gil, der sich so richtig nicht für Paris interessiert, sondern nur für seine Idee von Paris, den Film erzählt, hätte ich wohl auch nicht 94 Minuten durchgehalten.

      Im Übrigen findet sich dieser verklärte Blick auch in Woody Allen-Filmen, die in den USA spielen: die Welt, in der Filme wie “Melinda & Melinda” oder “Whatever Works” spielen, existiert nicht.

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