[Dialog] Über damals und Meryl Streep

(c) A.M.P.A.S.

War früher wirklich alles besser? Meine erste Oscarverleihung habe ich 1992 gesehen. Damals wurde „Das Schweigen der Lämmer“ als bester Film ausgezeichnet, einen Film, den ich nur dank meines älteren Bruders überhaupt sehen konnte. Natürlich bin ich damals nicht aufgeblieben, sondern habe die Verleihung aufgenommen und es hat schon eine Weile gedauert, bis ich überhaupt alles verstanden habe. Damals sind mir viele Banalitäten einfach nicht aufgefallen – und wenn ich heute Ausschnitte aus der Verleihung sehe, schwelge ich einfach in Nostalgie. Verpasst habe ich seither nur eine Verleihung – und zwar ausgerechnet die, in der Jack Nicholson als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde, und nur, weil sie auf Premiere übertragen wurde und meine Videorekorderquelle nicht funktioniert hat. Ansonsten war ich stets dabei – und meistens live. Doch die große Spannung ist seit einigen Jahren nicht mehr dabei. Selbst über den Gewinn von „The Hurt Locker“ konnte ich mich eigentlich nur freuen, weil „Avatar“ verloren hat. Woran es liegt? Ich denke, in erster Linie an mir. Ich beschäftige mich viel stärker mit den Oscars, nehme fast alle Preisverleihungen im Vorfeld zur Kenntnis, lese in vielen Blogs über mögliche Gewinner, schreibe ja selbst darüber. Dadurch ist dann vieles ausrechenbarer und es fehlt die Spannung. Dazu kommt noch, dass ich mit den nominierten Filmen weniger anfangen kann. Denn ehrlich: „Slumdog Millionair“ ist meines Erachtens bei weitem nicht der beste Film 2009. Auch „The Hurt Locker“ (2010) nicht – und ganz bestimmt nicht „The King’s Speech“ (2011). Aber gut, es ist nun einmal ein Beliebtheitswettbewerb.

In diesem Jahr wurden mal wieder einige Filme und Schauspieler übergangen, aber ich kann mit vielen Gewinnern gut leben – fast schon zu vielen. Als bestem Hauptdarsteller drücke ich dem Außenseiter Gary Oldman die Daumen, aber sowohl George Clooney als auch Jean Dujardin wären verdiente Gewinner. Beste Nebendarstellerin wird wohl Octavia Spencer, wobei ich auch Bérénice Bejo in „The Artist“ sehr gut fand – und natürlich Jessica Chastain, beim besten Nebendarsteller ist wohl Christoph Plummer der erwartete Gewinner – das geht alles in Ordnung.

Am schwierigsten ist tatsächlich die Kategorie beste Hauptdarstellerin. Ich bin ein großer Fan von Meryl Streep und sie hätte ihren dritten Oscar schon für „Doubt“ erhalten sollen. Spätestens im letzten Jahr hätte sich die Academy den wir-zeichnen-Sandra-Bullock-aus-weil-ihre-Filme-erfolgreich-aber-selten-preisverdächtig-sind-Oscar verkneifen und stattdessen Meryl Streep ehren sollen. Nun erscheint sie dieses Jahr einfach als überfällig, allerdings in einem Film, der sehr viel Potential verschenkt. Sie ist großartig in „The Iron Lady“, keine Frage. Aber die ganze Zeit schwirrte mir beim Gucken von „The Iron Lady“ die Frage im Kopf herum, was sie wohl mit einem erfahrenen Regisseur und besseren Drehbuch aus dieser Rolle herausgeholt hat. Leider sucht sie sich in letzter Zeit häufig solche Projekte aus. Abgesehen davon bedeutet ihr Gewinn, dass Viola Davis leer ausgeht. Und auch sie hätte schon längst einen Oscar bekommen sollen – und zwar 2009 anstelle von Penélope Cruz für „Vicky Cristina Barcelona“. Daher bin ich froh, dass ich diese Entscheidung nicht treffen muss.


Oscar-Dialog 2012

#1 Der Tag nach dem Tag danach (nebel)
#2 Der Tag nach dem Tag und dann noch einige Tage später (cez)
#3 Fast eine Woche später (Sonja)
#4 30 Schauspieler in einem Eintrag! (nebel)
#5 Zwei, drei Bemerkungen zu Midnight in Paris (cez)
#6 Unnötige Nebengeräusche (Sonja)
#7 Von Unterhunden und Dunklen Pferden (nebel)
#8 Über damals und Meryl Streep (Sonja)
#9 2008! (cez)
#10 Lange Nacht (nebel)

5 thoughts on “[Dialog] Über damals und Meryl Streep

  1. Oh, Erinnerungen! Ich weiß noch sehr gut, wie und wo ich meine erste Oscar-Verleihung gesehen habe. Es war 1994, Moderation Whoopi Goldberg, Bester Film “Schindler’s List.” Ich war in Mainz bei meinem Vater und hatte mich in einen amerikanischen AOL-Chatraum zum Thema Oscars eingeloggt, mein erstes Live-Blog, sozusagen. (Nur wenige Tage vorher habe ich ebenfalls auf AOL meine erste eigene Online-Identität/e-Mail-Adresse geschaffen: Weltretter!) Seitdem bin ich auch jedes Jahr fleißig wach geblieben, seit letztem Jahr zum Glück bei Freunden, die mir Fernseh-Asyl gegeben haben – ich empfange seit 2010 dank DVB-T nur noch öffentlich-rechtliche Programme.

    Und es stimmt, dass je mehr man sich mit dem Thema beschäftigt die Überraschungen bei der Verleihung selbst immer mehr schwinden, aber dafür bin ich in in diesen Jahren mehr investiert, da ich mehr der nominierten Filme gesehen habe. Ich erinnere mich noch gut an Kevin Spaceys Dankesrede 2000 und “This is the high point of my day, it’s all downhill from here,” dessen wahre Komik ich erst Monate später verstanden habe, als ich endlich die “American Beauty“-DVD von dv-depot.com (gibts die noch?) ankam.

    Und noch kurz was zu den Schauspielern: Bei den Hauptdarstellern fehlt mir zwar ausgerechnet noch mein Traum-Mann George Clooney (Hach!), aber abgesehen davon sticht Gary Oldman für mich wirklich sehr heraus. Bichir und Pitt sind auch sehr gut, nur Dujardin hat es (wie gesagt) meiner Meinung nach überhaupt nicht verdient, er und Bejo wurden lediglich vom Hype um “The Artist” mit nach oben geschwemmt.

  2. Bei Jean Dujardin bin ich anderer Meinung. Es ist meines Erachtens für heutige Schauspieler sehr schwer, in einem Stummfilm mitzuspielen, weil es eine expressivere Körperlichkeit und Mimik voraussetzt. Und Dujardin trägt den gesamten Film mit so viel Charme und Ausdruck (den ich auch nicht als grimassierend sehe), dass “The Artist” ohne ihn nicht dieser Erfolg gewesen wäre.

    Bei Gary Oldman sind es ganz andere Voraussetzungen: Er spielt einen prominenten Charakter aus der Spionage-Literatur, der zudem bereits von Sir Alec Guiness hervorragend dargestellt wurde, und interpretiert ihn anders, mit diesem gewissen Hauch von Bösartigkeit, der mir bei Guiness gefehlt hat. Außerdem geht er völlig in der Rolle auf.

    George Clooney zeigt seine bisher beste schauspielerische Leistung und ist einmal nicht der strahlende (oder wahlweise) zynische Held, sondern einen bemerkenswert durchschnittlichen Mann (was für ihn sicherlich nicht einfach ist). Brad Pitt fand ich ebenfalls gut, Demian Bichir habe ich noch nicht gesehen.

    Nun aber zu dem “verdient oder nicht verdient”. Ich finde, jeder der drei erstgenannten hätte ihn verdient. Für mich bedeutet der Oscar entweder: Du warst richtig, richtig gut in dem Film. Oder: Wir ehren jetzt aber auch mal Dein Gesamtwerk (siehe Jeff Bridges). Beides trifft in diesem Jahr bestens auf Gary Oldman zu. Daher ist er für mich der verdienteste :-), aber dahinter folgen gleichauf Jean Dujardin und George Clooney.

    • Um jetzt wirklich darüber sprechen zu können, wie schwer oder leicht es für moderne Schauspieler ist, Stummfilm zu spielen, fehlt es wohl an mehr Beispielen. Aber mein Gefühl sagt mir, dass Dujardin als George Valentin gerade so überzeugend ist, weil er es eben nicht wie Oldman beherrscht, viel mit wenigem zu sagen sondern eher nach dem jungen Jim Carrey kommt und weiß, sein sehr ausdrucksstrarkes Gesicht gekonnt in Szene zu setzen. Ich sehe zwischen seinem Spiel in den “OSS 117”-Filmen und “The Artist” wirklich keinen großen Unterschied. Und auch wenn viele Beobachter sagen, dass Demián Bichirs Nominierung Michael Fassbender oder gar Michael Shannon verdrängt habe ist es für mich eindeutig Jean Dujardin, der hier Fehl am Platz ist.

      (Und ich habe wirklich nichts gegen Dujardin oder “The Artist.” Sympathischer Schauspieler in einem tollen Film. Ich fand auch Cameron Diaz in “Bad Teacher” richtig super, aber ich würde mich nicht für eine Oscar-Nominierung für sie oder den Film aussprechen…)

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