Übers Boxen

Ka-pow!

Am Sonntag war ich seit längerem mal wieder im Irish Pub zur sonntäglichen Rate-Runde (sog. “Pub Quiz”) mit einer handvoll (also drei) alten und neuen Mitgliedern unseres losen Quiz-Kollektivs, der Splittergruppe. (An diesem Sonntag waren wir allerdings als “Spießer-gruppe” unterwegs, ein Alternativ-Vorschlag zu meinem “FLÜGGÅƎNK∂€ČHIŒβØL∫ÊN,” das leider einem einzelnen, aber vehementen Veto zum Opfer fiel. Aber man kann ja niemanden zu Humor zwingen…)

Ist aber auch alles gar nicht so wichtig. Das Irish Pub versteht sich nebst seiner Tätigkeit als Quiz-Nacht-Austragungsort auch als sog. Sports Bar, also einer Kneipe, in der mindestens ein Fernseher steht, auf dem ständig Werbung, ab und zu unterbrochen von Sportübetragungen, zu sehen ist. Weil Irland ja in England liegt läuft im Pub in der Regel Sky Sport (Name geraten, kann auch Sky Action oder ESPN Sky heißen) und je nach Zufall werden so spannende Aktivitäten wie “Weiße Männer spielen auf grüner Wiese mit Stock und Kugel,” “Männer in bunten Anzügen fahren mit ihren lauten Autos ganz oft im Kreis und manchmal auch gegen eine Wand,” “Männer mit Helm und kurzer Hose werfen sich ein Ei zu und stoßen mit den Köpfen aneinander,” oder, wie an diesem Abend, “Männer mit kurzer Hose aber oben ohne hauen sich gegenseitig ins Gesicht und setzen sich dann auf einen Stuhl wo sie einen Strohhalm in die Nase gesteckt bekommen damit ihnen (nehme ich mal an) das Blut nicht die Atemwege verstopft und dann hauen sie sich weiter gegenseitig ins Gesicht, oft bis einer von ihnen (and I’m not making this up) das Bewusstsein verliert.”

Dass es so etwas wie Boxen überhaupt gibt ist mir ein Rätsel. Dass es Boxen überhaupt noch gibt ein umso größeres. Dass in der Geschichte der Entstehung dieses Unsports nicht an einer (bzw. jeder) Stelle jemand beiseite getreten ist und gesagt hat “Jungs, ich glaube das ist jetzt nicht wirklich so eine gute Idee” kann ich mir nicht vorstellen. Dass niemand auf ihn gehört hat leider schon.

Wie man im EM-Blog und auch andernorts bemerkt bin ich nicht unbedingt ein sportbegeisterter Mensch. Ich weiß nicht, wer aktueller Bundesliga-Meister ist, ich bekomme, wenn überhaupt, immer erst dann mit, dass Wimbledon war, wenn es gerade vorbei ist, und wer die diesmonatige Leichtathletik-WM gewonnen hat, interessiert mich auch nicht. (Aber die ist wirklich einmal im Monat, oder? Kommt mir zumindest so vor.)

Also kein Fan, wohl aber jemand, der körperliche und geistige Höchstleistungen zu würdigen weiß. Ich finde es toll, wie Profi-Fußballer Bälle annehmen, zum Beispiel. Kann ich nicht. Oder wenn ich höre, wie jemand täglich 20 Stunden trainiert um der schnellste Schwimmer der Erde zu werden. Zeitverschwendung, ja, aber ich bewundere die Disziplin, die dahinter steht und es ist sicherlich besser als Banker zu werden oder Anwalt.

Snooker schaue ich mir gerne an, nicht nur um Ronnie O’Sullivan (Ladies!) anzuschmachten sondern weil die Spieler eine Geschicklichkeit, Kontrolle und Strategie beweisen, die man sonst selten so konzentriert findet.

Aber wenn ein Mensch sein Leben dazu widmet, dafür zu trainieren einem anderen Menschen möglichst gezielt ins Gesicht zu schlagen während er selbst möglichst gezielt ins Gesicht geschlagen wird, dann finde ich das etwas… befremdlich. Und gefährlich.

Gefährlich nicht für die beiden, die da im Ring stehen, sondern für die, die sich den Mist ansehen und abfeiern und womöglich einen dieser Idioten zu einem “Vorbild” erklären. Hach, wenn ich nur lange genug anderen aufs Maul haue wohne ich auch irgendwann in einer Villa und bekomme so viel Milchschnitte, wie ich will.

“Das hat sowas animalisches,” wurde meine Tirade am Sonntag unterbrochen. “Ist eben ein Männersport.” Unfug. Also vor allem, dass Boxen ein “Sport” sei. Dass mehrheitlich Männer daran Gefallen finden, zuzusehen wie sich andere Männer bewusstlos schlagen ist leider nicht abzustreiten. Verstehen tue ich es nicht. Männer, vielleicht wisst ihr es noch nicht, aber es gibt da seit neuestem so eine Erfindung, die nennt sich Film, da kann man auch ganz viel Gewalt sehen, auch mit Blut und Enthauptungen sogar, nur mit dem kleinen Vorteil, dass dabei niemand wirklich zu Schaden kommt. Wäre das nicht eine gute Alternative zu dem Box-Dreck?

Okay, ich merke gerade, dass das hier schon ganz schon lange geraten ist (dabei könnte ich mich noch viel länger aufregen) und wahrscheinlich eh niemand bis zum Schluss liest. Für die, die durchgehalten haben (oder zum letzten Satz runtergescrollt haben:

Fazit: Gewalt ist doof. Boxen ist Gewalt. Boxen ist doof.

8 thoughts on “Übers Boxen

  1. Dein Fazit ist in dieser Form doch reinster Quatsch. Entweder ist jeder Sport, bei dem es nur ansatzweise in irgendeiner Form zur körperbetonten Auseinandersetzung kommt auch Gewalt, oder Boxen ist es nicht. Schließlich ist das keine Wirtshausschlägerrei, bei der sich zwei Betrunkene gegenseitig aus dem Leben hauen; es ist auch nicht so, dass da ein Halbes Hemd gegen einen durchtrainierten 100-Kilo Brocken antritt und ohne Chance nach Strich und Faden vermöbelt wird. Nicht dass ich Boxen jetzt sonderlich interessant finde und das affige Gangstergehabe vor dem Kampf ist wirklich übermäßig proletenhaft, aber es bleibt nunmal eine Tatsache, dass zum Boxen mehr gehört als “Draufhaun”. Schlagtechnik, Deckung, Kondition, Reflexe: das macht Boxen meiner Meinung nach sehr wohl zu mehr als Gewalt. Ganz zu schweigen von anderen Kampfsportarten, die mehr der Körperkontrolle und Meditation dienen oder reine Aesthetik als Daseinszweck haben… auch alles Gewalt?

    • Meine Antwort: Fechten.

      Das heutige Fechten ist ein Sport, der genau die Dinge abverlangt, die du dem Boxen zusprichst: Technik, Deckung, Kondition, Reflexe. Und sollte ich beim olympischen Rumzappen mal ein Fecht-Duell erwischen bleibe ich i.d.R. auch hängen und bewundere genau diese Dinge. (Und erinnere mich an tolle Schwertkämpfe im Film.)

      Und obwohl Fechten natürlich eine blutige Geschichte im Duell-Kampf hat ist es den modernen Fechtern, oh Wunder, doch tatsächlich möglich sich nicht gegenseitig zu verletzen! Und sie werden auch nicht von einer blutlüsternden Meute dazu angefeuert, ihren Gegner ins Krankenhaus zu befördern.

      Verletzungen sind immer ein Teil vom Sport, aber ein Nachteil. Sobald es zum Ziel einer Aktivität wird, einen anderen Menschen bis zur Bewusstlosigkeit zu verletzen ist es für mich kein Sport mehr sondern stumpfe Gewalt. Egal wie grazil und effizient einem da ins Gesicht geschlagen wird.

      • Du würdest Dich wundern, wieviele Leute mir das Fechten als gewaltverherrlichend vorgeworfen haben. Wobei ich zugestehen will, dass das Verletzungsrisiko (in moderater Form) beim studentischen Fechten sicherlich höher ist als beim Sportfechten; das ist ja auch so gewollt. Also auch wieder doof.

        Mich stört ja nicht, dass du Boxen doof findest. Ich störe mich auch nicht sonderlich daran, dass du sagst, Boxen wäre Gewalt. Nachdem ich die strafrechtliche Definition von Gewalt nachgeschaut habe, bleibt mir da auch gar nichts anderes übrig. Nach reiflicher Überlegung ist es mir unbegreiflich – so komisch es auch klingt – wie man jegliche Gewalt im Sport doof finden kann. Vor allem, wenn es klar reglementierte Gewalt ist. Das finde ich befremdlich. Aber nicht gefährlich. Denn auch wenn sich das einige Leute zum Vorbild nehmen könnten und dann denken, dass sie durch Gewaltfreiheit ‘ne Villa und sauviel Milchschnitte gestellt bekommen, halte ich das Risiko für die Gesellschaft für überschaubar. Übrigens genau wie in dem von dir gebrachten Gegenbeispiel.

  2. Da ich gerade schon wieder einen ewiglangen Text vorformuliert habe und erschöpft bin, hier kurz und bündig:
    Ich finde dich cool (zumindest dieses Online-Selbst, das ich bisher kenne).
    Kann man doch auch mal einfach so sagen, nicht?

    • Das kann man (Danke!) und ich würde sogar mal behaupten, dass sich mein “Offline-Selbst” nicht weit von dem Online-selbigen unterscheidet, also kommt das Kompliment gleich doppelt so gut an. (2x Danke!)
      Und damit machst du mir auch gleich ein schlechtes Gewissen, dass ich mich immer noch nicht tiefer in deine “31 Tage – 31 Filme“-Reihe eingelesen bzw. die Idee geklaut habe. Ist seit Wochen auf der To-Do-Liste…

      • Das beinhaltete übrigens die vollste Zustimmung jeder Aussage dieses Artikels (bis hin zu Ronnie O’Sullivan).

        Ach, die 31 Filme. Hatte schon gar nicht mehr damit gerechnet, dass das überhaupt jemanden anspricht. Das Schöne daran ist ja, dass man sich damit auch Zeit lassen kann ;)

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